Selbstakzeptanz oder Veränderung – Was ist besser?

Selbstakzeptanz
Ich will gerne noch schneller lesen können.
Ich will noch besser im Schwimmen werden.
Ich will ein Mensch sein, der seine Ziele noch konsequenter umsetzt.

Ich will, ich will, ich will … Ich könnte diese Liste noch lange weiterführen.

Vielleicht geht es dir da ja ganz ähnlich.

Ich zumindest habe so einiges an produktiver Unruhe in mir. Ich bin eigentlich immerzu motiviert, in bestimmten Sachen besser zu werden.

immer besser

Egal, woher diese Motivation rührt: All diesen „Ich will“-Aussagen ist eines gemeinsam: Sie beschreiben einen Punkt in unserem Leben, wo wir noch nicht ganz zufrieden mit uns selbst sind. Wo wir gerne mehr wären oder gerne mehr hätten.

Und als ich letztens so über meine ständige Motivation und meine vielen Wünsche nachgedacht habe, da kam mir ein Gedanke:

Bedeutet diese lange Liste, dass ich ein Problem damit habe, mich selbst zu akzeptieren, so wie ich bin?

Weiterentwicklung durch Motivation

Die meisten von uns haben etwas im Leben, wo sie denken: Das möchte ich gerne besser machen. Oder: Das würde ich gerne noch lernen.

Und auf der einen Seite ist das ja gut und richtig, denn durch diese Unzufriedenheit mit uns selbst entwickeln wir uns als Menschen ja auch weiter.

das wirkt

Jemand, der sofort an die Decke geht, wenn ihn etwas stört, lernt so vielleicht, vorher erst dreimal durchzuatmen. Jemand, der chaotisch ist und immerzu seinen Schlüssel verliert, lernt so, auf seine wichtigsten Sachen gut aufzupassen.

Unzufrieden mit sich selbst zu sein, das macht an der einen oder anderen Stelle also durchaus Sinn.

Zufriedenheit durch Selbstakzeptanz 

Aber es gibt eben auch die andere Seite. Die Seite, die uns sagt:

Du bist in Ordnung, so wie du bist. Du solltest dich akzeptieren, so wie du bist. Erwarte nicht immer so viel von dir. Setz dich nicht selbst so sehr unter Druck. Es ist o. k., auch mal wütend zu sein. Es ist o. k., kein ordentlicher Mensch zu sein.

Sich selbst akzeptieren zu können, das scheint wie die eigentliche Lösung für all unsere Probleme. Denn wir lernen dadurch, zufrieden mit dem zu sein, was wir sind und was wir haben.

Mit der Selbstakzeptanz ist es ein wenig wie mit unserer Gesundheit:

„Selbstakzeptanz ist zwar nicht alles, doch ohne Selbstakzeptanz ist alles nichts.“

Wer sich selbst nicht ausstehen kann, der kann kerngesund sein, viele Freunde und einen tollen Partner haben und dazu auch noch schön, reich, mächtig und sonst was … und am Ende des Tages trotzdem unglücklich sein. Ganz einfach, weil diese Person trotz all dieser tollen Rahmenbedingungen sich aus irgendeinem Grund selbst nicht mag.

ich mag mich

Sich selbst zu akzeptieren und zu mögen, das ist also unbestritten ein wirklich ganz zentraler Aspekt, um glücklich sein zu können.

Aber ist das alleine die Antwort auf all unsere Probleme? Dass wir lernen, die Dinge, mit denen wir unzufrieden sind, zu akzeptieren, statt sie zu verändern?

Mehr Selbstakzeptanz = weniger Motivation?

Ich frage mich auch: Was passiert eigentlich mit meiner Motivation, mich weiterzuentwickeln, wenn ich mich vollständig so akzeptieren kann, wie ich bin?

Hier mal ein kleines Gedankenexperiment: Stell dir mal vor, wie toll es wäre, wenn du dich in allen Aspekten deines Lebens vollständig so akzeptieren und mögen könntest, so wie du jetzt gerade bist.

Also auch, dass du chronisch immer zu spät kommst. Auch, dass du schon seit einiger Zeit ein paar Kilo zu viel draufhast und deine Hose nicht mehr zukriegst. Auch, dass du gerade vielleicht einen Job machst, der dich so gar nicht mit Sinn erfüllt. Was auch immer es für dich sein mag …

entweder oder

Stell dir bitte mal kurz vor, du könntest das alles einfach so akzeptieren. Das alles würde dich einfach überhaupt nicht mehr stören. Du hast damit innerlich deinen Frieden geschlossen.

Was passiert dann mit deiner Motivation, dich zu ändern? Wird diese dann nicht vollkommen hinfällig? Denn: Wenn ich mich selbst annehme, so wie ich bin, warum sollte ich dann noch motiviert sein, mich zu verändern?

Wenn ich mich komplett annehmen kann, so wie ich bin, dann werde ich vielleicht zu jemandem, der sich nicht mehr weiterentwickelt im Leben. Mich selbst zu akzeptieren, das würde mir da womöglich jeglichen Antrieb rauben.

Das Gleichgewicht macht’s

Ich selbst bin ja wie gesagt eher jemand, der ständig in etwas besser werden möchte. Der ständig irgendein „Lern- oder Entwicklungsprojekt“ am Laufen hat. Und ich hatte wie gesagt auch nie das Gefühl, dass dieser innere Antrieb von mir bedeutet, dass ich mit mir selbst unglücklich bin.

Ganz im Gegenteil, ich fühle mich damit sogar ziemlich glücklich. Mir macht es unendlich viel Spaß, ständig dazuzulernen und zu wachsen. Ich ziehe da für mich sehr viel Befriedigung raus.

Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, welch tiefe Erfüllung es uns schenken kann, einfach nur glücklich im Hier und Jetzt zu sein. Nicht nach etwas zu streben, sondern gedanklich vollkommen im Moment zu sein und einfach nur sein Leben zu genießen.

Beide Wege haben starke Argumente auf ihrer Seite. Beide Wege haben definitiv ihre Berechtigung.

sowohl als auch

Vielleicht ist es einfach wie bei so vielen Fragen des Lebens „die goldene Mitte“, die am besten für uns ist: Motivation ist gut, solange man eben nicht über das Ziel hinausschießt und sich nicht dafür verurteilt, dass man etwas Bestimmtes noch nicht ist oder noch nicht kann.

Doch wie kann man ein solches Gleichgewicht erreichen?

Die Perspektive eines Bildhauers

Mir persönlich hilft dabei ein bestimmtes Bild im Kopf, das ich gerne mit dir teilen möchte. Ein Bild, das für mich ein gesundes Verhältnis aus Selbstakzeptanz und Motivation verkörpert: der Blick eines Bildhauers.

Dabei geht es um einen Bildhauer und seinen Steinblock. Der Bildhauer hat einen unbearbeiteten Steinblock vor sich. Und diesen Steinblock betrachtet er als etwas ganz Individuelles. Dieser Bildhauer schafft es, selbst in dem größten und unförmigsten Steinblock noch etwas Spannendes zu sehen, was er daraus machen kann.

Er würde niemals auf die Idee kommen, den Steinblock für seine Größe, Farbe oder Form zu verurteilen oder zu verfluchen. Und er würde sich niemals wünschen, einen anderen Steinblock vor sich zu haben. Sondern er arbeitet einfach mit dem, was ihm dieser besondere Stein bietet.

Bildhauer

Dieser Blick eines Bildhauers, der seinen Steinblock als etwas Besonderes, als etwas Schönes und gleichzeitig auch als eine Herausforderung betrachtet – diesen Blick sich selbst gegenüber auch einzunehmen, das ist die Kunst.

Versuchen wir also trotz des Wunsches, besser zu werden, immer den Blick eines Bildhauers zu bewahren. So können wir nämlich beides: Den Stein wertschätzen für das, was er ist. Für seine natürliche Schönheit. Aber gleichzeitig auch Spaß daran haben, an ihm zu arbeiten.

Betrachte dich selbst mit dem gleichen Blick. Schätze dich selbst wert für das, was du bist. Und wenn du etwas in dir siehst, dann gehe dieser Vision von dir selbst nach und folge deiner Motivation.

Manche Steine sind ja auch einfach wunderschön, genau so, wie sie sind. Das alles liegt ganz alleine im Auge des Betrachters 😉